500 Jahre Geschichte

Ein Tag in San Juan de la Rambla.

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Viel Geschichte und viele Geschichten kann man in San Juan de la Rambla auf kleinstem Raum entdecken. Hier kann man Gebäude aus alten Zeiten noch so bewundern, wie sie damals entstanden sind. Bei einem kleinen Spaziergang offenbart sich so manche hübsche Ecke. Leider fahren viele an diesem interessanten Städtchen einfach vorbei.

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Das Municipio von San Juan de la Rambla ist nur ein schmaler Streifen Land von gerade mal 20 km². Rund 5000 Einwohner verteilen sich auf vier Ortsteile. Im oberen Teil liegen auf rund 400m Höhe die Gemeinden San José und Los Quevedos, direkt am Meer die Ortsteile Las Aguas, der Weiler La Rambla und natürlich das historische Zentrum von San Juan.

1711211_1In diesem letzteren findet man, im Schatten des Steilabhangs von Mazapé, eine gut erhaltene Altstadt, mit Recht eine der schönsten Teneriffas. Bei einem Rundgang durch die friedlichen und verträumten Gassen kann man viele alte Herrenhäuser mit der typisch kanarischen Architektur bewundern. Die Gesamtheit des historischen Zentrums wurde 1993 zum Nationalen Kulturerbe erklärt.

Leider hat man das Rathaus aus dem alten Zentrum weg verlegt in den Ortsteil San José, was vom Gesichtspunkt des Erhaltens von Kulturerbe nicht unbedingt wünschenswert war, denn einige der alten Gebäude sind leer und funktionslos geworden.

Beachtenswert ist, dass die vielen schönen Häuser im Ort von zurückgekehrten Auswanderern nach Amerika erbaut wurden. Nach der spanischen Eroberung florierte die Landwirtschaft in dieser Gegend, besonders der Weinbau. Angeblich wurde hier der beste Malvasía der ganzen Insel produziert. Trotz dieser Tatsache wanderten viele Einwohner von hier nach Amerika aus, weil sie vom großen Reichtum träumten. Die Chronik berichtet aus dem Jahr 1779, dass 41% aller Männer über 16 Jahren in Amerika waren. Die wenigen, die wirklich reich wurden, haben danach ihr Geld im Heimatort gut angelegt.

Meistens ist es recht ruhig auf dem zentralen Platz Rosario Oramas vor der Kirche St. Johannes des Täufers, deren Ursprünge zurückgehen auf das Jahr 1530, als der Portugiese Martín Rodrígues hier die Kapelle von San Juan de Malpais errichten ließ. Dieser älteste Teil der Kirche ist heute noch als Capilla mayor erkennbar. Über die Jahrhunderte kamen verschiedene An- und Ausbauten hinzu. Für den Bau der Kirche wurde das Gestein Ignimbrit aus zwei nahe gelegenen Steinbrüchen verwendet, das hier zwei verschiedene Texturen aufweist. Einerseits sehr dicht und grau, dieser Stein wurde vor allem für Säulen und tragende Elemente verwendet, andererseits ockerfarbig, weniger dicht und mit vielen streifenartigen Lufteinschlüssen, was den Bogenelementen ein farbiges Aussehen verleiht. Sehenswert ist auch der sehr bunte, zweistöckige Altar.

Der weite Platz vor der Kirche hieß früher einmal Plaza Nueva. Dort gab es bis in die 1970er Jahre auch einen Musikpavillon, der aber nicht mehr existiert.

Genau gegenüber der Kirche steht das Haus, in dem Mitte des 16. Jahrhunderts die Witwe des oben erwähnten Martín Rodrígues und ihre Erben lebten. Hundert Jahre später kaufte es der Milizenkapitän Mateo Manuel Oramas de Saá y Meneses, nach dem es auch heute noch benannt ist (Casa Oramas). An seiner Hauptfassade sieht man einen typischen Balkon mit fein gearbeiteten Holzjalousien. An den Türen und Fensterrahmen gibt es geschnitzte geometrische Elemente. Ebenfalls typisch sind die Guillotinenfenster.

Diese findet man auch an dem Haus, das gegenüber am Platz steht. Es gehörte ebenfalls einem Milizenkapitän, Manuel Vicente Alonso del Castillo, der in Amerika reich wurde, hier in die Familie Oramas einheiratete und danach Bürgermeister wurde. Er und seine Frau stifteten mehrere Kapellen in der Kirche. Das Haus wurde später im Zuge von Vererbungen zweigeteilt, was man an den beiden Türen erkennen kann. Der rechte Teil beherbergt heute das Pfarrhaus, der linke ist im Besitz der Familie Yanes, Nachkommen der Oramas und Alonsos.

1711215_1Ein anderer reicher Amerika-Rückkehrer, José Hernández Bautista, heiratete ebenfalls eine Tochter aus dem Hause Oramas und kaufte das Gelände an der dritten Seite des Platzes. Durch ein Feuer im Jahr 1817 wurde sein Haus schwer beschädigt, aber er lies es noch schöner wieder aufbauen. Neun Jahre später kaufte er die Ruinen des abgebrannten Nachbarhauses dazu und errichtete darin einen schönen Garten. Dieser ist leider nicht einsehbar, weil er ringsherum von hohen Mauern umgeben ist. Ein großes Glück, denn genau am 7. November 1826 wurde der Norden Teneriffas von einem fürchterlichen Unwetter heimgesucht, es gab 243 Tote und schlimme Überschwemmungen. Es war der größte Sturm, der die Insel je heimgesucht hatte, die Schlammlawinen überschwemmten die Häuser bis ins zweite Stockwerk. Die hohen Mauern am Haus der Hernández Bautista hielten jedoch die Wassermassen vom Garten fern, auch das Haus blieb weitgehend verschont.

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EL LUCTUOSO 7 DE NOVIEMBRE DE 1826 EL BARRANCO SE LLEVÓ ESTA ESQUINA SIENDO LEVANTADA DE NUEVO EN DICIEMBRE.

 

Zwischen den beiden letztgenannten Häusern beginnt an der Plaza die schmale Calle La Alhóndiga. Das mit uralten Kieseln gepflasterte Gässchen führt hinauf zu einem weiteren Haus, das einem Bruder von Mateo Manuel Oramas de Saá gehörte, Antonio Lorenzo Oramas de Saá. Die Fluten von 1826 zerstörten dieses Haus sehr stark, der Wiederaufbau war schwierig. Damit musste sich dann ein in Kuba geborener Neffe beschäftigen, der das Haus erbte. Die weiteren Erben, die alle aus Kuba zurückkamen, erweiterten das Haus immer wieder zu einem kleinen Palast. Typisch für die damalige noble Architektur ist der kleine Turm mit Dachterrasse. Von dort oben beobachteten die Herren und Damen, was in den umliegenden Gassen so alles vor sich ging. Auch der Blick aufs Meer war wichtig, um ankommende Schiffe rechtzeitig zu entdecken (Das erste Hochhaus der Insel, das diesem Zweck diente, steht in Puerto de la Cruz. Lies hierzu den Artikel Zimmer mit Aussicht).

Leider ist dieses riesige Anwesen heute in einem sehr bedauernswerten Zustand, die Fassade und die schönen Holzbalkone verrotten immer mehr.

Gegenüber steht, gut restauriert, die ‚Alhóndiga‘, der alte Kornspeicher. Dieses Haus ist eines der ältesten des Ortes. Nachdem das Haus Anfang des 17. Jahrhunderts von seinem Besitzer verkauft wurde, bewahrte man hier das Getreide auf, das die abhängigen Bauern abliefern mussten. Heute befindet sich darin ein Kulturzentrum für dörfliche Veranstaltungen und Jugendarbeit.

Geht man von hier die Calle Antonio Oramas hinauf, entdeckt man auf der linken Seite einen alten Brunnen, den ‚Chorro viejo‘. Es ist jedoch nicht nur eine einfache Wasserentnahmestelle, sondern ein raffiniertes kleines Wasserwerk. Das herein fließende Wasser läuft zunächst durch mehrere parallele Rinnen, wo sich Staub und Verunreinigungen absetzen. Von der letzten Rinne aus gibt es mehrere Ausläufe, durch die eine genau definierte Wassermenge in verschiedene Leitungen lief, die dann zu den umliegenden Häusern führten.
Gegenüber steht das alte Haus der Familie Granadillo mit der ockerfarbenen Fassade. Es hat auf der Ostseite einen schönen Balkon, von dem aus eine Holztreppe zum „Ausguck“ hinaufführt.

Direkt oberhalb fällt ein massiver Gebäudeblock mit einer rot gestrichenen Fassade und mächtigen Eckpfeilern auf, die Casa de Piedra. Sein Baustil unterscheidet sich stark von den anderen Häusern, denn es wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, zunächst nur das Erdgeschoss, das obere Stockwerk und die Dachterrasse blieben über 100 Jahre unvollendet. Sein ursprünglicher Erbauer hatte kein Interesse mehr, weil er nach Puerto de la Cruz zog, und auch die Erben wollten dort nicht wohnen. Später wurde das stolze Haus vermietet und es zog eine Schreinerei dort ein. Erst in den 1970er Jahren restaurierten es die jetzigen Besitzer.

Bei der kleinen Kapelle, Capilla de la Cruz, kann man rechts abbiegen in die Calle La Ladera und kommt an einem weiteren sehr alten Haus aus dem 17. Jahrhundert vorbei, die ebenfalls in ocker und rot gestrichene Casa de los Bautista Perdomo. In diesem Haus lebte und arbeitete ein hoch geschätzter Bürger von San Juan, Armando Pérez Luis, der von 1954 bis 1970 die hiesige Albertus-Magnus-Akademie betrieb. In den 1950er Jahren gab es eine große Auswanderungswelle. Außer der Selbstversorgungslandwirtschaft und ein paar Bananenpackereien gab es hier nicht viel. In einer kleinen Schuhfabrik bastelte man Sandalen aus alten Autoreifen. Es gab keine öffentlichen Schulen, und die Analphabetenrate war hoch. In der Schule von Armando konnten Kinder des Ortes lernen und studieren, deren Eltern sich nicht die teuren kirchlichen Schulen leisten konnten. Den kleinen Beitrag zur Unterhaltung der Schule konnten die Eltern sogar in Naturalien bezahlen, Kaninchen oder Hühner, Kartoffeln oder Obst. Armandos Bruder organisierte mit seinem „Micro-Bus“ einem Ford Transit, Kennzeichen TF-33708, den Transport der Kinder von den abgelegenen Weilern zur Schule. Sogar Ausflüge nach La Orotava oder in die Cañadas konnten die Schüler machen – ein außergewöhnliches Erlebnis in dieser Zeit.

Armando war ein starker Raucher, und wenn ihm während des Unterrichts die Peter Stuyvesant ausgingen, schickte er seine Schüler in den kleinen Laden an der Ecke, um Nachschub zu holen. Seine enormen Leistungen für Bildung und Erziehung in dieser Zeit werden von den älteren Einwohnern noch heute gepriesen. Gleich gegenüber, in der Calle El Paso, wohnte die Schneiderin, bei der die Schüler ihre Uniform nähen lassen mussten, eine blaue Hose bzw. Rock und ein graues Hemd mit einem Wappen auf der linken Brustseite. Die Mädchen auf dem Foto, Remedios, Carmita, Luisi und Lala sind heute schon über 60, erinnern sich aber noch gut an ihre „Privat-Schulzeit“.

Am unteren Ende der Calle La Ladera stößt man auf die Calle Estrecha, wo man nach rechts zu einem kleinen Platz, la Placeta, mit einem Brunnen kommt. Dort stehen zwei wuchtige Herrenhäuser von 1909 bzw. 1912. Der Treppenweg neben der Casa Delgado Álvarez heißt El Roque, denn bei Bau des Hauses musste man zuerst einen riesigen Felsblock wegsprengen. Typisch für beide Häuser sind die hohen Türen , denn im Erdgeschoss befanden sich früher die Ladengeschäfte ihrer Besitzer, hauptsächlich für Lebensmittel. Genau zwischen diesen beiden Läden legten die Schüler der Academia von Armando zu Fronleichnam ihre Blumenteppiche aus.

1711205_1Nachdem man zur Kirche zurückgegangen ist, kann man dahinter noch einen Blick auf die Plaza Vieja werfen. Sie wird von den Rambleros sehr geschätzt als Treffpunkt für den kleinen Schwatz. Die Holz- und Steinbänke unter den Palmen und der Ausblick auf die Küste laden ein zu einer gemütlichen Rast. Dabei kann man sich vorstellen, wie der Platz ausgesehen haben muss, bevor ihn die heutige Hauptstraße in zwei Teile zerschnitten hat.

Nicht auslassen sollte man beim Besuch von San Juan einen Abstecher zu einem der schönsten Naturschwimmbecken Teneriffas, dem Charco de la Laja. Gleich neben dem alten Friedhof gehen zwei Wohnstraßen Richtung Meer, nach etwa 200m kommt man zu einer Treppe, die über die Felsen hinunter zum Becken führt.

Im Sommer und bei einigermaßen ruhigem Seegang kann man hier herrlich baden und in einer kleinen Nebenbucht auch zwischen den Felsen herumschwimmen. Demzufolge wird es vor allem an Wochenenden recht voll hier. Ein kleiner Parkplatz befindet sich neben dem Friedhof.

Bei starkem Wellengang ist auch in solchen Naturschwimmbecken das Baden lebensgefährlich. Im Januar 2018 sind hier zwei litauische Touristen ertrunken, die bei starkem Seegang zu übermütig ins eiskalte Wasser gesprungen sind. Zwei weitere konnten von den Rettungsmannschaften noch geborgen werden. Leider passiert dies immer wieder: Gefährliches Wasser.

1711201_1Wenn nach einer Stadtbesichtigung der Magen knurrt, empfiehlt sich eine kurze Fahrt hinunter in den Ortsteil Las Aguas. An der Mini-Promenade schlagen die Atlantikwellen hoch, die hier bei Sturm recht kräftig sein können, das ehemalige Schwimmbecken wurde komplett zerstört. Aber von einer der Terrassen der zahlreichen Restaurants hat man einen schönen Blick über die Nordküste. Am Sonntag Nachmittag ist es aber nicht empfehlenswert, hier zum Essen herzukommen, denn viel zu viele Ausflügler wollen hier Fisch essen.

Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang nach dem Essen? Direkt oberhalb des kaputten Schwimmbads beginnt ein herrlicher Küstenweg, auf dem man gemütlich in einer halben Stunde bis zum Ortsteil La Rambla spazieren kann. Der Weg ist nicht unbedingt für Kinderwagen geeignet, aber ansonsten problemlos zu gehen. Dieser Weg war früher die einzige Verbindung von La Rambla nach San Juan. Das Ziel ist der autofreie Weiler mit der romantischen Kapelle El Rosario direkt am Meer.

Knapp 150 Einwohner leben hier in ruhiger Abgeschiedenheit. Die Straße, die von der TF-5 herunter kommt, ist schmal, Parkplätze gibt es nur wenige. Vor der Kirche befindet sich eine kleine Terrasse mit Blick aufs Meer. In den engen Gassen zwischen den Häusern könnte man fast denken, dass es sich um ein griechisches Dorf handelt. Alle Häuschen sind blendend weiß und mit vielen Blumentöpfen geschmückt.

Es lohnt sich, den Weg noch ein Stück weiter zu gehen, einfach, weil es ein so schöner Weg ist. Er ist allerdings im letzten Abschnitt nicht mehr so bequem zu begehen und endet an einem steinigen Strand, der Weiterweg zur Playa Socorro ist nicht möglich.

Schließlich gibt es noch eine alte Gofio-Mühle zu besichtigen, direkt an der TF-5, oberhalb des Picknickplatzes am Barranco de Ruiz. Die meisten Wanderer stürmen den Barranco hinauf, lassen aber die 100m zur Gofio-Mühle unbeachtet, obwohl der Weg schön angelegt wurde. Auch für diejenigen, die nicht wandern wollen, lohnt sich der Abstecher, mit kleinem Aufstieg, wegen des schönen Ausblicks über die Küste.

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Übersicht:
Übersicht

Stadtrundgang (gelb): ca. 650 m
Küstenweg 1. Teil (blau): 1,7 km, 2. Teil (grün): 0,9 km

Stadtrundgang:
Rundgang

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Artikel-Nr. 24-1-91

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Ein Gedanke zu “500 Jahre Geschichte

  1. Vielen Dank für die Anregungen, die interessante Beschreibung und die schönen Bilder.
    Das nächste Mal fahren wir bestimmt nicht vorbei.
    Liebe Grüße, Jana

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