Steine verbrennen

Ein Baustoff mit Tradition.

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Zwergenhäuschen, umgedrehte Eistüten, Räucherkamine, ein Denkmal für den Teide…? Man wundert sich im Vorbeifahren über die seltsamen Gebäude an der Hauptstraße oberhalb der Altstadt von Puerto de la Cruz. Hier stehen etwas abseits der Straßenkreuzung Las Cabezas vier ehemalige Kalköfen in einem kleinen Garten. Es lohnt sich, dort mal reinzuschauen. Auch an anderen Stellen der Insel sind diese Relikte der Industrietechnik noch zu finden.

1707114_1Im Jahr 2009 hat die kanarische Regierung die alten Kalköfen von Puerto de la Cruz unter Denkmalschutz gestellt. Vier Öfen mit dem charakteristischen Kegeldach wurden dort Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Die Kuppeln sind aus feuerfestem Backstein und mit einer Tonschicht bedeckt. Die beiden äußeren sind die größten und stehen auf einem würfelförmigen Sockel. An der Seite des einen gibt es noch einen Kohlenkeller. Außerdem findet man Wassertanks und den Lagerraum für den fertigen Branntkalk, der dort verkauft wurde.

Unter dem letzten Besitzer Luis González González arbeiteten hier etwa 14 Personen. Bis 1940 wurde hier Kalk verarbeitet.

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Zeichnung_loquelaspiedrascuentanIm Inneren befindet sich ein Rost aus Eisen, auf welchen die Kalksteine geschüttet wurden, mit Schichten von Kohle dazwischen, darunter wurde das Feuer entzündet. Wenn der Grill richtig platziert war, wurde der Ofens von mehreren Männern beladen, von denen einer die Ladung von Kalkstein und Kohle von oben herab aufsetzte, während der andere in den Boden des Ofens kroch und einen trockenen Ast und einen größeren Holzstapel anbrachte und darauf eine gute Schicht Kohle legte. Man musste sehr vorsichtig sein, die Kohle nicht an die Wände des Ofens zu legen, da diese dadurch schmelzen konnten.

(Bild: *2)

Während der Brennzeit konnten die Arbeiter auch die Hitze des Ofens ausnutzen um Kartoffeln zu kochen oder Fisch zu braten. Sie mussten fünf oder sechs Tage lang den Brennvorgang überwachen, bis im Inneren des Ofens eine Temperatur von über 900 Grad erreicht wurde und der Umwandlungsprozess begann. Aus dem Kalkstein (Calciumcarbonat CaCO3) setzt sich dabei CO2 frei und es entsteht der Branntkalk (Calciumoxid CaO). In einem Arbeitsgang konnte ein Ofen etwa 3600kg Branntkalk produzieren. Dieser ist der Grundstoff zur Herstellung von Kalkmörtel. Durch „Löschen“ des Branntkalks mit Wasser erhält man den Löschkalk (Calciumhydroxid Ca(OH)2), welcher mit Sand gemischt dann den Kalkmörtel ergibt. Dies war und ist bis heute einer der wichtigsten Stoffe in der Bauindustrie zum Aufbau und Verputzen von Mauern. Beim langsamen Austrocknen an der Luft bindet der Mörtel wieder ab und nimmt CO2 auf, es entsteht wieder fester, aber in der gewünschten Form verarbeiteter Kalkstein. Hier eine übersichtliche Darstellung des Verfahrens.

Kreislauf

Unabdingbar war der Mörtel auch beim Abdichten von Wasserbecken oder der zahlreichen Kanäle und Leitungen, die zuvor aus Holzkonstruktionen bestanden und mit Pech wasserdicht gemacht wurden.

Löschkalk war auch wegen seiner antiseptischen Wirkung ein wichtiges Produkt bei der Desinfizierung von Ställen, weil er das Wachstum von Krankheitserregern und Schimmelpilzen behindert.

Leider gibt es in Teneriffa praktisch keine natürlichen Vorkommen von Kalkstein. Dieser „caliche“, wie die einheimische Bezeichnung lautet, musste mit kleinen Segelbooten aus Gran Canaria oder Fuerteventura hergebracht werden. Es war nicht möglich, das Brennen schon am Ort des Vorkommens zu machen, denn der Transport von Branntkalk stellt ein hohes Risiko dar. Beim Kontakt mit Wasser entsteht eine stark exotherme Reaktion, verbunden mit einer Volumenzunahme. Die Lagerräume der Boote würden sich gefährlich erhitzen und auseinanderbrechen. Versuche, den Branntkalk in Tüchern trocken zu transportieren, wurden bald wieder eingestellt, denn bei der Fahrt übers Meer war in damaligen Zeiten ein Kontakt mit Wasser praktisch unvermeidlich.

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(Bild: *1)

Die notwendige Steinkohle kam ebenfalls mit Segelschiffen aus England und ersetzte das zuvor verwendete Holz der Baumheide oder des Ginsters, das aus den Bergen von La Orotava kam.

Aus diesen Gründen sind die Kalköfen auch immer in der Nähe eines Hafen gebaut worden. Das handcolorierte Foto aus dem Jahr 1893 zeigt einige – heute nicht mehr erhaltene – Gebäude in Santa Cruz, auf der Ostseite des Barranco de la Alegría, mit denselben Baustrukturen wie in Puerto de la Cruz.

Santa_Cruz_loquelaspiedrascuentan (Bild: *2)

calera la asomada_bernardocabo(Bild: *1)

Es gibt einen weiteren und noch größeren Kalkofen in Puerto de la Cruz, im Gebiet La Asomada, heute direkt in einer Kurve der Las Arenas Straße. Er bestand aus einem quadratischen Sockel und zwei kreisrunden Aufbauten. Es gab kein Kegeldach, aber eine Treppe bis zur Spitze. Dieser Ofen war bis Mitte der 1960er Jahre in Betrieb und gehörte Telésforo Dominguez Bravo, der den Kalkstein mit zwei Lastwagen von Hafen herauf bringen ließ.

Seit 1972 befindet sich an dieser Stelle die Calera Puerto Cruz, eine Keramikfabrik, die vornehmlich Dekorationsartikel herstellt. Der Ofen selbst ist nicht mehr zugänglich, aber seine Baustruktur ist über dem Dach noch erkennbar.


1705194_1Auch nahe des keinen Hafens von Los Silos, in La Sibora, finden sich zwei alte Kalköfen. Einer wurde 1931 erbaut, der ältere stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die Konstruktion ist im wesentlichen dieselbe wie beim Ofen von La Asomada. Auf dem rechteckigen Grundblock sitzen zwei runde Stockwerke. Eine Treppe führt an der Seite nach oben. Auch hier war der Ofen bis in die 1960er Jahre hinein in Gebrauch und wurde stillgelegt, als der Zement als besseres Bindemittel für die Bauindustrie zur Verfügung stand. Ebenfalls noch vorhanden sind die Reste des Lagerraums und des Wasserbeckens.

So liest sich in den 20er Jahren das Baugesuch:

„Don Antonio Dávila y Dávila, gebürtig und wohnhaft in Los Silos, volljährig, mit Wohnsitz in der Calle de la Estrella, Umstände, die er Ihnen mit seinem aktuellen Personalausweis bescheinigt: Er möchte in Puertito, neben der Straße, die in dieser Stadt beginnt und in dem genannten Hafen endet, einen Kalkbrennofen bauen und benötigt dafür die entsprechende Genehmigung, weshalb er von Ihnen erbittet, vorbehaltlich der notwendigen Voraussetzungen, die erforderliche Genehmigung zum Bau des erwähnten Kalkofens am linken Ufer des Flusses zu erteilen, der von diesem Dorf zum Meer hinabführt und insbesondere dem Exponenten gehört.
Es ist eine Gnade, die ich von Ihnen erhoffe, weil Sie gerecht sind.“
Villa de Los Silos, am elften Juli neunzehnhundertfünfundzwanzig.

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plan horno_achivoorotava(Bild: *3)

Im Stadtarchiv von La Orotava befinden sich Dokumente mit ähnlichen Bauanträgen und Pläne von Kalköfen. Nach historischen Quellen gab es bereits im 17. Jahrhundert solche Bauwerke. Viele der alten Öfen sind heute verschwunden, wie z.B. einer in der Rambla del Castro in Los Realejos, oder stehen als Ruine auf Privatgelände, z.B. in der Calle Risco Caído in La Orotava. Andere Ruinen findet man an der Montaña Bocinegro, nahe El Médano, oder an der Küste von El Varadero bei Alcalá.


1806011_1Der größte und am besten erhaltene Ofen steht an der Westküste Teneriffas, direkt an der Promenade von Playa de San Juan. Das kolossale Bauwerk von 6m Höhe ist auch einer der jüngsten Öfen, er stammt aus dem Jahr 1950, als sein Besitzer Antonio Hernández Santana den Bau in Auftrag gab. Junge Arbeiter aus dem Dorf errichteten den Ofen unter Aufsicht eines anerkannten Spezialisten, die Bauzeit betrug ein Jahr. Wegen der großen benötigten Menge an Kalkstein musste das Schiff mit der schweren Ladung weiter draußen ankern, die Steine wurden dann mit kleinen Booten an den Strand gebracht, und die Arbeiter schleppten sie auf den Schultern zum Ofen. Vermutlich war dieser Kalkofen der letzte, der auf Teneriffa in Betrieb war.

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2016 wurde das Bauwerk durch die Stadt Guía de Isora restauriert, die Kosten beliefen sich auf 31574 €. In den vorangegangenen drei Jahrzehnten wurde der Ofen durch Stürme und Wellen stark angegriffen. Verschobene und verlorene Steine mussten korrigiert werden, Sicherungsmaßnahmen erfolgten, und man brachte eine Lackschicht auf zum Schutz gegen das Meerwasser.

In früheren Zeiten kannten die Caleros, die Kalkbrenner eine Vielzahl von Tricks, um die Wirkungen der produzierten Kalke zu korrigieren und ihren Mörteln die für den jeweiligen Anwendungsfall erforderlichen Eigenschaften zu verleihen, wie z.B. die Kontrolle der Aushärtegeschwindigkeit, der Härte und der Wasserdichtigkeit. Neuerdings erlebt der Löschkalk und der Kalkmörtel auf den Inseln wieder eine Renaissance, sowohl bei Restaurierungsarbeiten von historischen Gebäuden, als auch im Bereich der Biokonstruktion, wo er gegenüber dem energie-intensiven Zement und wegen seiner biologischen Schutzfunktion bevorzugt wird. Die Inselregierung von Fuerteventura hat in einer Demonstration alte Kalköfen wieder in Betrieb genommen, mit dem Ziel, diese Ressource für die Desinfektion in Viehhaltungsbetrieben herzustellen.

Bildnachweise:
*1) bernardocabo.blogspot.com
*2) loquelaspiedrascuentan.blogspot.com
*3) archivo orotava

Wer die Kalköfen von Los Silos besichtigen will, kann gleich einen kurzen Spaziergang zu einer anderen Sehenswürdigkeit machen: Das Walskelett. Oder eine etwas längere Wanderung an der Küste: Isla Baja.


Artikel-Nr. 0-23-113

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