Die Zuckerinsel

Das süße 16. Jahrhundert.

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Der wirtschaftliche Aufschwung begann auf Teneriffa in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts mit einem Produkt, das heute auf der Insel völlig verschwunden ist, dem Zuckerrohr. Während auf La Palma und Gran Canaria noch einige Anbauflächen vorhanden sind, muss man hier auf intensive Spurensuche gehen.

ZuckerrohrwaldDas Zuckerrohr hat Marco Polo wahrscheinlich aus Persien mitgebracht, es war aber schon im alten China und bei den Ägyptern bekannt. Seit dem 15. Jh. wurde dann auf Madeira Zuckerrohr angebaut, und von dort kamen auch die ersten portugiesischen Spezialisten, die die Anbau- und Verarbeitungstechniken hier auf der Teneriffa installierten. Dies wiederum motivierte Grundbesitzer und Händler dazu, an dem neuen Boom teilzuhaben und so entwickelte sich sehr schnell eine neue Wirtschaftsstruktur, die den davor eher neolithisch geprägten Tauschhandel auf der Insel ersetzte. Die steigende Nachfrage der europäischen Oberschicht nach Zucker bewirkte eine enorme Ausdehnung des Anbaus auf den kanarischen Inseln, die damals zuerst als „Zuckerinseln“ in Mitteleuropa von sich reden machten. Insbesondere auch entlang der Nordküste von Teneriffa reihte sich eine Zuckerfabrik an die andere und auf praktisch allen kultivierbaren Flächen nahe der Küste wurde Zuckerrohr angebaut. Der Anbau war kapitalintensiv, aber trotzdem lohnend, denn der hier produzierte Zucker war durch seine gute Qualität bekannt und beliebt und erzielte gute Preise.

Zuckerrohrfeld

Man zählte an der Nordküste Teneriffas damals 12 Anbaukerne, von Buenavista del Norte bis nach Taganana, einige weitere gab es bei Güímar. Zentrum der regionalen Anbaugebiete war immer die Zuckerfabrik, zu der mehrere Gebäude gehörten: Die Mühle, wo das Rohr ausgepresst wurde, die Küche, um den Zuckersaft einzudicken, die Trockenhäuser und natürlich zahlreiche Wohngebäude für die Arbeiter. So entstanden kleine Siedlungen, die wiederum andere wirtschaftliche Aktivitäten erforderlich machten. Ganz entscheidend war, dass die Wasserversorgung gesichert war, denn alle Maschinen wurden mit Wasserkraft betrieben. Außerdem hat Zuckerrohr einen besonders hohen Wasserbedarf. Deshalb brauchte man ein ausgeklügeltes Wasserverteilungssystem, das von den lokalen Behörden verwaltet wurde und zahlreiche Arbeitsplätze entstehen ließ.

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In der eigentlichen „Zuckermühle“ wurde das Rad zum Auspressen der Zuckerrohrstangen anfangs von Pferden oder Kühen bewegt. Diese nannte man trapiche, sie bestand aus senkrecht stehenden und mit Holz- oder Metallzähnen bestückten Rollen, zwischen die das Rohr von Hand eingeschoben wurde. Die späteren ingenios wurden dann mit Wasserkraft betrieben, wobei das Wasserrad waagrecht liegenden Rollen antrieb. Auf Gran Canaria trägt heute noch eine Stadt den Namen Ingenio. Interessanterweise wurde 2013 das alte Wappen der Stadt, welches eine trapiche zeigte, ausgetauscht und durch ein ingenio ersetzt, da historische Forschungen ergaben, dass die erste Zuckerfabrik im Ort mit einem ingenio betrieben wurde.

(Fotos: Ayuntamiento de Ingenio)

Es musste genügend Bau- und Brennmaterial zur Verfügung stehen, deshalb wurden große Waldflächen in den Bergen systematisch abgeholzt. Es gibt Berechnungen, nach denen jede Zuckerfabrik pro Saison 2760 Tonnen Holz verbrauchte. Wege und geeignete Straßen mussten angelegt werden, die Transportunternehmer profitierten vom hohen Preis des Holzes. Holz wurde außerdem auch zur Verpackung der Zuckerlaibe gebraucht. Die großen Kupferkessel und die gesamte Infrastruktur der Fabriken mussten herbeigeschafft werden.

Der Export wiederum machte die Erweiterung und den Bau von Häfen notwendig, z.B. wurde Garachico so zum wichtigsten Hafen der Nordküste, auch die Häfen von Icod, Puerto de La Orotava und Güímar entstanden in dieser Zeit. So war die gesamte Zuckerindustrie ein für die damalige Epoche äußerst komplexes Wirtschaftsgeflecht.

Die Fabrikbesitzer erhielten zur Finanzierung ihrer Kosten in der Regel Kredite mit einer einjährigen Laufzeit von auswärtigen Geldgebern aus Genua, Katalonien oder den Niederlanden. Diese Kredite mussten in Form von Zucker oder Rum zurückgezahlt werden, was wiederum die Produzenten dazu anhielt möglichst gute Qualität zu liefern.

In der Praxis war die Rückzahlung eines solchen Kredits kein Problem. Ein Beispiel: Die Anfangsinvestition für eine Zuckerfabrik wurde auf 2 Mio. Maravedís veranschlagt, und etwa derselbe Betrag wurde Jahr für Jahr erwirtschaftet. Davon gingen 0,7 Mio. Maravedís für Betriebskosten ab und es blieb ein jährlicher Gewinn für den Unternehmer von 1,3 Mio. Maravedís.

cultivo de azucar_lagavetadeaguereGleichzeitig änderte sich auch die Bevölkerungsstruktur: Grundbesitzer, Händler, Transporteure und Reeder konnten schnell reich werden. Spezialisierte Arbeiter in den Fabriken bekamen einen guten Lohn und gehörten zur Mittelschicht. Landarbeiter waren stark abhängig vom Grundbesitzer. Die einfachen Arbeiten in den Fabriken und auf den Feldern wurden jedoch von Sklaven erledigt, die in der Mehrzahl aus eingeborenen Guanchen bestanden, aber auch in Guinea oder auf den Kapverden eingekauft wurden.

(Foto: lagavetadeaguere)

Innerhalb von wenigen Jahrzehnten entstand so ein bedeutendes und international verknüpftes Wirtschaftssystem auf Basis des Zuckerrohrs. Die Handelsbeziehungen mit Holland waren sehr aktiv, brachen jedoch zusammen, als die Holländer wegen zunehmender Piraterie immer unbeliebter wurden. Wichtige Abnehmer des Zuckers wurden die Engländer, die wiederum Tücher, Kleider und Fisch lieferten. Zusammen mit dem Güterumschlag aus Mittelamerika entwickelte sich Teneriffa so zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum dieser Zeit und Sta. Cruz zum bedeutendsten Hafen des Archipels.

Genau so schnell, wie dieser Reichtum entstand, ging er jedoch zu Ende. Die optimale Wachstumstemperatur des Zuckerrohrs liegt bei 30ºC, was hier selten gegeben ist. Das Zuckerrohr hat hohe Nährstoffansprüche und zehrt auf Dauer den hiesigen Boden stark aus. Chemischer Dünger wurde damals noch nicht verwendet, und so musste der Anbau auf den Feldern alle 8 bis 10 Jahre verlegt werden. Es waren aber nicht genügend geeignete Flächen vorhanden.

Die Tatsache, dass Christoph Kolumbus Zuckerrohrstecklinge mit nach Mittelamerika nahm, erwies sich später als fatal. Schon 1494 schrieb er in einem Brief an den spanischen König: „Mein Herr, das Zuckerrohr, das wir gepflanzt haben wächst gut.“ Und so wurde im ausgehenden 16. Jh. die Konkurrenz des Zuckers aus den Antillen so übermächtig, dass alle hiesigen Produzenten aufgeben mussten. Bessere klimatische Bedingungen, niedrigere Produktionskosten und Zunahme der Schiffsverbindungen hatten zur Folge, dass der Zuckerboom nach weniger als 80 Jahren so schnell zu Ende ging, wie er begonnen hatte. Doch es gab schon Ersatz: Der Wein wurde auf Teneriffa zum Anbau- und Exportprodukt Nummer zwei.

Heute wird noch in Arehucas auf Gran Canaria Zuckerrohr angebaut, dort nahm eine Fabrik im Jahr 1884 erneut den Anbau auf. Der Rum Arehucas ist eine bekannte Marke. Auf La Palma gibt es mehrere Kleinbetriebe mit insgesamt etwa 4 Hektar Anbaufläche, die Destillerie Aldea vermarktet den Rum aus La Palma. Auf Teneriffa findet man heute keinerlei Anbau von Zuckerrohr mehr. Die Marke Santa Cruz kommt aus der gleichnamigen Destillerie im Industriegebiet von Arafo.

Ab 1948 gab es noch einmal einen Versuch in Tejina, wo für die Destillerie San Bartolomé (Name des Schutzheiligen der Stadt) Zuckerrohr angebaut wurde. Der Anbau wurde 1982 wieder eingestellt, als die wichtigsten Märkte in Spanisch Guinea und Spanisch Sahara wegbrachen, diesmal war es die Konkurrenz aus Südafrika. Die Firma Destilerías San Bartolomé verkauft heute die Marken Cocal, Aguere und Guajiro und bezieht den Rohstoff aus Südafrika und Guatemala. Noch sind die alten Produktionsgebäude und Maschinen erhalten, und man denkt an die Eröffnung eines „Zuckermuseums“.

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Ein weiteres Relikt der Zuckerindustrie, das noch auf Teneriffa zu finden ist, steht an der Küste von Los Silos. Dort ist noch ein alter Schornstein erhalten, der heute auf dem Gelände einer Bananenpackerei steht. Er stammt aber nicht aus dem 16. Jahrhundert, sondern geht zurück auf die englische Firma Igller, die Ende des 19. Jahrhunderts den Zuckerrohranbau wiederbeleben wollte. Bereits 1913 wurde aber auf den lukrativeren Bananenanbau umgestellt. Die Zuckermühle wurde mit einer Dampfmaschine betrieben, deshalb wurde ein Schornstein notwendig. Zwischen den Felsen am Meer entdeckt man auch noch die kleine Anlegestelle, wo der Zucker eingeschifft wurde.

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Rohrzucker gibt es natürlich überall zu kaufen, aber in der Regel ist er importiert. Selten angeboten, aber sehr lecker, ist der frisch gepresste Zuckerohrsaft „guarapo“, pur, gemischt mit Orangensaft, oder auch mit einem Schuss Rum – kanarischer Rum, selbstverständlich!

Aus dem süßen 16. Jahrhundert geblieben ist die unbestrittene Vorliebe der Canarios für supersüße Nachspeisen und Torten.


Artikel-Nr. 0-26-124

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